Die einfache Frage „Mag ich diesen Wein?“ ist wichtig, aber für ein belastbares Geschmacksbild zu grob. Interessanter wird es, wenn mehrere Verkostungen zeigen, welche stilistischen Eigenschaften wiederholt mit positiven oder negativen Eindrücken zusammenfallen.
Drei Ebenen auseinanderhalten
| Ebene | Frage | Beispiel |
|---|---|---|
| Beobachtung | Wie zeigt sich der Wein? | Säure wirkt hoch, Körper eher schlank, Aromatik eher reif als primärfruchtig. |
| Qualitätsurteil | Wie überzeugend ist die Ausführung? | Sauber, balanciert, komplex, lang – oder fehlerhaft und unausgewogen. |
| Persönliche Präferenz | Wie gern trinke ich genau diesen Stil? | Hohe Säure und schlanke Struktur können fachlich stimmig sein und trotzdem nicht zum eigenen Geschmack passen. |
Der zentrale Punkt: Eine persönliche Empfehlung sollte nicht so tun, als sei „passt zu mir“ dasselbe wie „ist objektiv besser“.
Geschmack zeigt sich eher in Mustern als in Einzelweinen
Ein einzelner Lieblingswein kann zufällig genau zur Situation, zum Essen oder zur Stimmung gepasst haben. Um wiederkehrende Präferenzen zu erkennen, sind mehrere Verkostungen sinnvoller. 6Flaschen verwendet deshalb im aktuellen System mindestens 5 finale Verkostungen, bevor das vollständige persönliche Profil erzeugt wird.
Diese Schwelle ist eine Produktregel von 6Flaschen und keine allgemeingültige wissenschaftliche Mindestzahl. Sie soll vor allem verhindern, dass ein einzelner Wein das gesamte Profil dominiert. Mit weiteren Verkostungen kann sich die Datenbasis verändern und ein differenzierteres Bild entstehen.
Warum mehrere Stilachsen hilfreicher sind als ein Etikett
Aussagen wie „Ich mag Rotwein“ oder „Ich mag Riesling“ sind oft zu grob. Innerhalb derselben Rebsorte, Region oder Farbe können Weine sehr unterschiedlich ausfallen. Das 6Flaschen-Modell beschreibt Präferenzen deshalb aktuell über sieben stilistische Spannungsfelder:
- Eleganz ↔ Kraft
- Frische ↔ Wärme
- Primärfrucht ↔ Reife & Umami
- Präzision ↔ Opulenz
- Klassik ↔ Experiment
- Duft ↔ Textur
- Feinheit ↔ Intensität
Eine Achse ist keine Qualitätsrangliste. „Eleganz“ ist nicht grundsätzlich besser als „Kraft“, „Frische“ nicht grundsätzlich besser als „Wärme“. Die Achsen sollen lediglich beschreiben, in welche Richtung die eigene Präferenz bei wiederholten Verkostungen tendiert.
Fehlende Information ist keine Abneigung
Ein wichtiger methodischer Unterschied: Wenn zu einem Wein eine Stileigenschaft nicht belastbar bestimmt werden kann, sollte daraus keine negative Präferenz abgeleitet werden. Unbekannt ist nicht dasselbe wie gefällt mir nicht. 6Flaschen behandelt fehlende Informationen deshalb konservativ statt sie automatisch als Gegenbeleg zu werten.
Weinfehler sind ebenfalls keine Stilpräferenz
Ein fehlerhafter oder verdorbener Wein kann schlecht bewertet werden, ohne dass daraus geschlossen werden sollte, der Nutzer lehne die eigentliche Stilrichtung ab. Das Profilmodell versucht deshalb, Qualitäts- beziehungsweise Fehleraspekte nicht einfach in eine langfristige Stilabneigung umzudeuten.
Geschmack darf sich verändern
Persönliche Präferenzen sind kein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal. Erfahrung, Essen, Jahreszeit, Anlass und neu kennengelernte Weinstile können Wahrnehmung und Vorlieben verschieben. Ein sinnvolles Geschmacksprofil sollte deshalb als aktuelle Arbeitshypothese verstanden werden – nicht als endgültiges Etikett.
Praktischer Weg zum eigenen Geschmacksbild
- Weine nach der Verkostung zeitnah dokumentieren.
- Sensorische Beobachtung und persönliche Sympathie getrennt festhalten.
- Nicht nur Lieblingsweine speichern – auch weniger passende Weine liefern Information.
- Nach mehreren Verkostungen auf wiederkehrende Stilmerkmale achten.
- Neue Erfahrungen zulassen und ältere Annahmen bei Bedarf korrigieren.