Systematisch bedeutet nicht, dass Wein objektiv auf eine einzige Zahl reduziert werden kann. Es bedeutet vielmehr, denselben Ablauf wiederholt anzuwenden, Beobachtungen festzuhalten und die eigene Bewertung erst anschließend zusammenzuführen.
1. Wein bewerten beginnt nicht mit der Punktzahl
Wer zuerst entscheidet „Das sind 92 Punkte“, neigt dazu, die anschließende Beschreibung an dieses Urteil anzupassen. Praktischer ist die umgekehrte Reihenfolge: ansehen, riechen, schmecken, Gesamteindruck festhalten – und erst danach die Punktzahl setzen oder berechnen.
2. Beobachtung und Bewertung trennen
Eine sensorische Beschreibung sollte zunächst möglichst wertungsarm festhalten, was wahrgenommen wird: zum Beispiel Säure, Tannin, Körper, Aromatik, Reife, Balance oder Länge. Erst im zweiten Schritt folgt die Frage, wie überzeugend diese Merkmale zusammenwirken.
| Bereich | Beobachtung | mögliche Bewertung |
|---|---|---|
| Optik | Farbwirkung, Klarheit, Reifehinweise | sauber, passend, auffällig oder fehlerhaft |
| Nase | Intensität, Reintönigkeit, Primär-/Sekundär-/Tertiäraromen | einfach bis komplex, verhalten bis ausdrucksstark |
| Gaumen | Säure, Tannin, Süße, Körper, Alkohol, Textur und Aromatik | unausgewogen bis harmonisch, dünn bis vielschichtig |
| Gesamteindruck | Balance, Komplexität, Typizität, Abgang und Entwicklung | kurz oder nachhaltig, korrekt oder besonders überzeugend |
3. Trinkspaß und Qualität separat festhalten
In der App existiert neben der Punktbewertung bewusst ein eigenes Feld für Trinkspaß mit Stufen von gering bis „Lieblingswein“ sowie ein separates Feld für Trinkfluss. Dadurch kann ein persönlich sehr gern getrunkener Wein von einem technisch besonders hoch bewerteten Wein unterschieden werden.
Genau diese Trennung ist für spätere Geschmacksanalysen wichtig: Eine Qualitätszahl allein sagt nicht zuverlässig, warum ein Wein persönlich gut oder weniger gut passt.
4. Fehler nicht mit Stil verwechseln
Oxidation, Korkfehler oder andere deutliche Fehler können eine Verkostung massiv beeinflussen. Ein solcher Wein sollte nicht als normales Beispiel für seine Rebsorte, Region oder Stilrichtung behandelt werden. Sonst würde aus „diese Flasche war fehlerhaft“ fälschlich „diesen Stil mag ich nicht“.
5. Im Weintagebuch sind nachvollziehbare Notizen wertvoller als perfekte Formulierungen
Eine Verkostungsnotiz muss nicht literarisch sein. Nützlicher sind konkrete, wiedererkennbare Beobachtungen: Was war prägend? Was hat gestört? Wie wirkten Säure, Tannin, Süße und Körper? Wie lang war der Eindruck? Würdest du den Wein erneut trinken oder kaufen?
Ein einfacher Ablauf für die Praxis
- Rahmenbedingungen und Wein identifizieren.
- Optik kurz prüfen.
- Nase beschreiben, bevor der Gaumen das Urteil beeinflusst.
- Struktur und Geschmack am Gaumen festhalten.
- Gesamteindruck und Abgang beurteilen.
- Punktbewertung erst danach festlegen.
- Persönlichen Trinkspaß separat notieren.
- Bei Unsicherheit lieber als Entwurf speichern und später finalisieren.